Lernen, Motivation und Emotion für Studierende


Das Lehrbuch „Lernen, Motivation und Emotion“ enthält die wichtigsten psychologischen Theorien und Konzepte aus den Bereichen Lernen, Motivation und Emotion, und ist speziell für Studierende konzipiert, die sich einen starken Praxisbezug wünschen.

Denn es ist schon erstaunlich, was Menschen so alles im Laufe der Zeit lernen wie etwa Fahrradfahren. Was manchen vielleicht heute ganz selbstverständlich erscheint, war irgendwann einmal eine kaum lösbare Aufgabe, denn man musste Schritt für Schritt lernen, das Gleichgewicht zu halten, gleichzeitig in die Pedale zu treten und dann auch noch den Lenker so zu halten, dass man in die gewünschte Richtung fährt. Menschen lernen aber nicht nur durch Übung sondern einfach auch dadurch, dass sie bestimmte, womöglich nur einmalige Erfahrungen gemacht haben. So kann es ausreichen, ein einziges Mal mit der Hand eine heiße Herdplatte berührt zu haben, um das in Zukunft ein für alle Mal zu vermeiden.

Didaktik, Klausurfragen, digitale Zusatzmaterialien und Zusammenfassungen stellen auch eine optimale Grundlage für das Verstehen des Lehrstoffes und die Prüfungsvorbereitung im Bereich der Allgemeinen Psychologie dar.

Durch zahlreiche Anwendungsbeispiele, eingebundene Audioclips und Online-Zusatzmaterialien ist es in einzigartiger Weise anwendungsorientiert und weckt dadurch Lust, das Gelernte gedanklich weiterzuentwickeln und in verschiedensten Kontexten umzusetzen.



Familiäre Bedingungen von Schülerleistungen


In den USA existieren Studien über die Auswirkung von familiären Bedingungen auf Schülerleistungen seit den 60er Jahren. Diesen Auswertungen zu Folge sind folgende Bedingungen für höhere Schulleistungen förderlich: leistungsbejahende Elternwerte, hohe Elternerwartungen, autoritativer Erziehungsstiel sowie ein stimulierendes familiäres Umfeld. Markus P. Neuenschwander von der Universität Zürich und Stefanie Goltz, Erziehungsberaterin in Bern, wollten mit ihrer Untersuchung feststellen, ob sich diese Zusammenhänge auf die Schulsituation in der Schweiz übertragen lassen (vgl. Goltz & Neuenschwander, 2008, S. 265).
Neben den klassischen Erziehungsstilen (kontrollierend, strukturiert, Autonomie fördernd, zuwendungsorientiert) werden Familien häufig nach ihrer pädagogischen Orientierung eingeteilt. Hier existieren folgende vier Familientypen: fördernde Familien, leistungsorientierte Familien, wachsenlassende Familien, sowie vernachlässigende Familien. Alle Familientypen haben eine unterschiedliche pädagogische Haltung, was wiederum zu unterschiedlichen Schülerleistungen und deren Leistungsentwicklungen führt (vgl. Goltz & Neuenschwander, 2008, S. 266).
Höhere Schichten investierenmehr in die Leistungsförderung ihrer Kinder als finanziell schlechter gestellte Familien. Beim Geschlecht gibt es die allgemeine Hypothese, dass Schüler besser in Mathematik und Schülerinnen besser in Deutsch sind (vgl. Goltz & Neuenschwander, 2008, S. 276).
Neuenschwander und Golz wollten mit ihren Untersuchungen herausfinden, ob die oben genannten Studien tatsächlich auf die Schüler und Schülerinnen in der Schweiz zutreffend sind. Folgende fünf Hypothesen wollen sie daher überprüfen:
1. Ein förderndes Familienumfeld wirkt sich positiv auf die Schülerleistung aus.
2. Die pädagogische Orientierungen der einzelnen Familientypen beeinflussen die Leistungsentwicklung der Schüler und Schülerinnen.
3. Die soziale Schicht bestimmt die pädagogische Orientierung.
4. Die pädagogische Orientierung vermittelt zwischen der Schichtzugehörigkeit der Familie und der Schulleistung.
5. Schüler erzielen bessere Leistungsergebnisse in Mathematik und Schülerinnen erreichen bessere Leistungsergebnisse in Deutsch (vgl. Goltz & Neuenschwander, 2008, S. 267).
Die Stichprobe ist für den deutschsprachigen Kanton Bern repräsentativ. Zwei bis drei Klassen von insgesamt 26 städtische und ländliche Schulen wurden befragt. Die Untersuchung fand sowohl in der 6. Klassenstufe (Altersdurchschnitt betrug 11,9 Jahre), als auch in der 8. Klassenstufe (Altersdurchschnitt betrug 13,0 Jahre) statt. Die Schüler und Schülerinnen der 6. Klassenstufe wurden in der 9. Klasse wiederholt befragt. Insgesamt wurden 1151 Schüler und Schülerinnen befragt. Neben der Schülerbefragung fand eine Elternbefragung mittels standardisiertem Fragebogen statt. Die Rücklaufquoten, der von den Erziehungsberechtigten ausgefüllten Fragebögen, betrugen zwischen 85 % und 89 % (vgl. Goltz & Neuenschwander, 2008, S. 267).
Es wurden drei Ermittlungsmethoden verwendet. Der Schülerfragebogen sollte den Erziehungsstil der Eltern ermitteln. Dazu wurden den Schülern Fragen, wie die folgende vorgelegt: Wenn ich etwas getan habe, was meinen Eltern nicht gut finden, weiß ich schon vorher, wie sie reagieren werden (Goltz & Neuenschwander, 2008, S. 268). Das zweite Instrument, der Elternfragebogen, ermittelte drei Variablen: Hilfestellung bei Hausaufgabensituationen (wie häufig helfe ich meinen Kindern bei der Hausübung), die Bildungserwartungen der Eltern an die Kinder (welche Abschlüsse sollen meine Kinder einmal haben), sowie die soziökonomische Situation der Familie (durch die Berufsangabe der Eltern). Das letzte Instrument war der Leistungstest, der aus einem Deutsch und einem Mathematiktest bestand. In dem Schulfach Deutsch wurden u.a. das Hörverstehen, die Textproduktion und das Leseverständnis festgestellt. Im Schulfach Mathematik beinhalteten der Test u.a. das Vorstellungsvermögen und die Mathematisierungsfähigkeit. Die beiden Tests entsprachen dem Lehrplan im Kanton Bern (vgl. Goltz & Neuenschwander, 2008, S. 268).
Mit Hilfe der linearen Korrelation (beschreibt den linearen Zusammenhang zwischen Variablen) untersuchte man als erstes den Zusammenhang zwischen Familientypen und den Leistungstestergebnissen. Mit einer geringen Ausnahme korrelierten alle pädagogischen Orientierungen mit den Leistungen in Deutsch und Mathematik. Somit war die erste Hypothese bestätigt. Zur wiederholten Überprüfung von Hypothese eins und zur Bestätigung von den restlichen Hypothesen wurden neben der Variable Familientyp die Faktoren Geschlecht und die Interaktion Familientyp mal Geschlecht, sowie der sozio-ökonomische Status miteinbezogen. Mit Hilfe einer Clusteranalyse (Gruppen (=Cluster) mit ähnlichen Eigenschaften werden zusammengefügt) wurde bestätigt, dass Schüler bessere Ergebnisse in Mathematik erzielen und Schülerinnen bessere Ergebnisse in Deutsch. Somit war auch Hypothese fünf bestätigt. Um Hypothese zwei zu hinterfragen wurden die ehemaligen Schüler und Schülerinnen der 6. Klassen in den 9. Klassen wiederholt befragt. Es zeigte sich, dass die pädagogische Orientierung die Leistungsentwicklung im Zeitraum von vier Jahren beeinflusste. Dadurch konnte Hypothese zwei ebenfalls als bestätigt angesehen werden. Ein weiterer Vergleich veranschaulichte den Zusammenhang zwischen den sozialen Schichten der Familien und den pädagogischen Orientierungen. So befinden sich Schüler und Schülerinnen aus höhern Schichten eher in fördernde Familien. Diese Tatsache belegte somit Hypothese drei. Nach Einbezug der Familientypen wurde festgestellt, dass soziale Schichten die Leistungen in Mathematik und Deutsch signifikant beeinflussten. Hypothese vier war somit ebenfalls bestätigt (vgl. Goltz & Neuenschwander, 2008, S. 270ff).

Literatur

Goltz, S. & Neuenschwander, M.P. (2008). Familiäre Bedingungen von Schülerleistungen: ein typologischer Ansatz. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 55, 265-275.



Die Vertiefungspause nach dem Lernen


Wichtig ist auch die Zeit nach dem täglichen Lernen, dann dann sollte jede Schülerin und jeder Schüler das Gelernte sacken lassen und mindestens zwanzig Minuten eine Vertiefungspause ohne jegliche Aktivität einlegen, um das Gelernte innerlich verarbeiten zu können.

Heute weiß man, dass die Phase, die auf einen Lernprozess folgt, für den dauerhaften Lernerfolg mindestens genauso wichtig ist, wie das Lernen selbst. Moderne bildgebende Verfahren zeigen, dass nach dem Lernen noch einmal genau dieselben Hirnareale aktiviert werden, die schon zuvor beim Lernen aktiv waren. Bei diesem Prozess wird das Wissen jedoch nicht Eins zu Eins ins Großhirn übertragen, sondern die Inhalte werden verdichtet, neu kodiert und miteinander verbunden.

Die Erkenntnis der Zeitverzögerung zwischen Wissenserwerb und Einspeicherung im Gehirn hat Konsequenzen für das Lernen, die heute noch kaum beachtet werden. Die wichtigsten sind sind dabei ausreichend Schlaf und viele, kurze Lerneinheiten mit Pausen dazwischen, weniger ein Lernmarathon am Wochenende.




© Werner Stangl Linz 2020