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Waldbaden fördert das Lernen

Mancher geht durch den Wald und sieht dort nichts als Brennholz.
Lew Nikolajewitsch Tolstoi

Bekanntlich ist Lernen unter entspannten Bedingungen wesentlich einfacher als in Stresssituationen. Daher ist es günstig, vor längeren Lerneinheiten sich auf das Lernen psychisch einzustimmen. Eine gute Möglichkeit ist dazu das Waldbaden, denn Waldbaden hat zahlreiche Wirkungen auf Körper und Psyche.

Es handelt sich dabei ursprünglich um eine japanische Gepflogenheit, die dort shinrin yoku genannt wird, also „Waldbaden“, also das bewusste Verweilen im Wald um sich zu erholen und seine Gesundheit zu stärken. Shinrin yoku hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Art Wellness-Trend für gesundheitsbewusste StadtbewohnerInnen entwickelt. In manchen Ländern kann man einen Waldausflug sogar unter Anleitung eines speziellen Forest Bathing-Guide antreten, und angeblich gibt es in Österreich und Deutschland bereits eine Ausbildung zum Waldbademeister, die es erlaubt, Menschen in ihrem Beziehungsaufbau mit der Natur kompetent zu unterstützen.

Beim Waldbaden geht es vor allem darum, auf intensive Art und Weise mit dem Wald auf Tuchfühlung zu gehen, aber nicht zu verwechseln mit der Waldtherapie, die sich ähnlicher Methoden bedient, aber eher für Menschen mit Lungenkrankheiten, orthopädischen oder psychosomatischen Beschwerden ausgerichtet ist. Wissenschafter verordneten einer Gruppe von Freiwilligen mindestens dreimal pro Woche Spaziergänge in der Natur mit einer Dauer von zehn Minuten oder mehr. Vor, während und nach dem Experiment wurden die Cortisolwerte der Teilnehmer durch Analyse einer Speichelprobe bestimmt. Die Freiwilligen konnten den Tag, die Dauer und den Ort ihres Naturerlebnisses selbst bestimmen, damit es zu ihrem individuellen Lebensstil passte. Sie mussten allerdings auch einige bekannte Stressfaktoren minimieren, d. h., sie sollten die Spaziergänge bei Tageslicht nehmen, keine sportlichen Übungen machen und Social Media, Internet, Telefonanrufe, Unterhaltungen und Lesen vermeiden. Die Untersuchung zeigte, dass schon zwanzig Minuten Naturerlebnis genügten, um den Cortisolspiegel deutlich zu senken. Am stärksten sank der Stresshormonspiegel, wenn die Teilnehmer etwa 20 bis 30 Minuten sitzend oder gehend im Grünen verbrachten.

Entspanntes Spazieren im Wald mit Ruhe und Muße und vielen tiefen Atemzügen hat verschiedenste Gesundheitseffekte. Waldluft enthält chemische Verbindungen, vor allem Terpene, mit denen Pflanzen untereinander kommunizieren, um sich vor Bakterien und Pilzen zu schützen. Manchmal kann man diese Terpene riechen, etwa in Form der intensiven ätherischen Öle in Kiefernwäldern. Ein großer Baum kann an einem warmen Tag zweihundert Liter Wasser verdunsten, was zu kühleren Temperaturen und einer höheren Luftfeuchtigkeit führt, und produziert Sauerstoff und ätherische Öle. Die in dieser Luft enthaltenen Terpene haben stärkende Wirkung auf das Immunsystem und die Bildung weißer Blutkörperchen, die Keime und körpereigenen Krebszellen bekämpfen, wird angeregt. Bereits nach zwei Stunden Waldaufenthalt steigt die Zahl dieser Zellen im Blut um vierzig Prozent an, wobei noch nach einer Woche dieser Effekt nachweisbar war.  Entspannung und Ruhe im Wald aktivieren den Parasympathikus, gleichzeitig sinkt die Produktion von Stresshormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol. Waldspaziergänge wirken auch schlaffördernd, weil sie dem Organismus helfen, besser in den chronobiologischen Rhythmus zu finden, wobei vor allem im Sommer im schattigen Wald das Blätterdach nicht nur vor schädlicher UV-Strahlung schützt, sondern auch temperaturausgleichend wirkt. Das Grün der Bäume soll laut Farbpsychologie außerdem die Nerven beruhigen und das Immunsystem stimulieren (Stangl, 2016).

Nach einer Pressemeldung des österreichischen Bundesforschungszentrums für Wald muss man noch nicht einmal im Wald sein, um eine Wirkung zu erkennen, denn schon die Vorfreude, in den Wald zu gehen, wirkt motivierend oder entschleunigend, und hat wie kurze Waldbesuche schon einen Effekt. Das Hängen von Bildern vom Wald etwa in Krankenhäusern kann sich positiv auf die Gesundung der PatientInnen auswirken, was ebenso hilfreich sein kann wie der Ausblick vom Krankenzimmer auf einen Wald oder einen Park. Vielleicht sollte man in den Räumen, in denen Kinder lernen, beruhigende Bilder von Wäldern aufhängen.

Im September 2022 fand sich unter dem Titel „Heilwald: Therapie unter Mammutbäumen“ die Nachricht, dass das Benediktinerstift Göttweig künftig einen Teil seiner Waldflächen für therapeutische Zwecke zur Verfügung stellt, wobei der zertifizierte Heilwald ab Ende 2023 kranken Menschen ein neuartiges Therapieumfeld ermöglichen soll. Es heißt dort: „Rein optisch unterscheidet sich der erste Heilwald Österreichs des Benediktinerstiftes Göttweig kaum von anderen Wäldern. Auffällig sind lediglich ein paar Hinweistafeln und, dass sich die Baumarten alle dreihundert Meter abwechseln, was an der bereits seit über 900 Jahren durchgehenden Bewirtschaftung liegt. Die Bezeichnung „Heilwald“ soll dem rund 53,2 Hektar großen Waldstück nun zusätzliche Bedeutung verleihen. Denn seit 2001 ist das Waldstück in der Gemeinde Paudorf (Bezirk Krems) bereits als Erholungswald ausgewiesen. Seit 2020 arbeitete man an der Erlangung des Gütesiegels. Ein Nutzungskonzept, das gemeinsam mit Therapeutinnen und Ärzten ausgearbeitet wurde, war dabei ausschlaggebend. Kraft- und Ausdauertrainings, motorisches Training sowie das Üben der Koordination und des Gleichgewichts, aber auch Entspannungsübungen sollen künftig im Wald durchgeführt werden können. An jenem Ort, wo die Trainings durchgeführt werden sollen, ragen einige Mammutbäume empor. Diese sollen die einzigen Österreichs sein, die Mönche im Jahre 1880 aus reiner Neugierde gesetzt haben.“

Es sei auch daran erinnert, dass schon im Jahr 1810 Josef v. Eichendorff „Wer hat Dich, Du schöner Wald“ und im selben Jahr „O Thäler weit, o Höhen“ schrieb, also zwei Oden an den Wald, an seine Wirkung auf den Menschen und sein Gemüt. Die Wandervogelbewegung zum Ende des 19. Jahrhunderts griff die Waldbegeisterung erneut auf, man zog „Im Frühtau zu Berge“ und „Aus grauer Städte Mauern“ hinaus. Auch Sebastian Kneipp hat einen Spaziergang im Wald empfohlen, der schon nach schon wenigen Minuten etwas bewirkt: der Körper entspannt sich, der Blutdruck sinkt und die Laune steigt während und nach dem Spaziergang.


waldbaden


Joseph Freiherr von Eichendorff

Der Jäger Abschied

Wer hat dich, du schöner Wald,
Aufgebaut so hoch da droben?
Wohl den Meister will ich loben,
So lang noch mein Stimm erschallt.
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!

Tief die Welt verworren schallt,
Oben einsam Rehe grasen,
Und wir ziehen fort und blasen,
Daß es tausendfach verhallt:
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!

Banner, der so kühle wallt!
Unter deinen grünen Wogen
Hast du treu uns auferzogen,
Frommer Sagen Aufenthalt!
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!

Was wir still gelobt im Wald,
Wollens draußen ehrlich halten,
Ewig bleiben treu die Alten:
Deutsch Panier, das rauschend wallt,
Lebe wohl,
Schirm dich Gott, du schöner Wald!


Literatur

Stangl, W. (2016). [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/STRESS/Stressbewaeltigung-Methoden.shtml (2016-09-01).
Stangl, W. (2022, 2. Oktober). Naturtherapie. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
https:// lexikon.stangl.eu/13805/naturtherapie.
http://derstandard.at/2000100965546/Forscher-Ab-20-Minuten-im-Gruenen-sinkt-das-Stresslevel (19-04-18)
https://gutenberg.spiegel.de/buch/gedichte-9611/64 (19-09-26)



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