Vorgeburtliches Lernen



Der Schatz an eigenen Erfahrungen, den jedes Baby mit auf die Welt bringt, umfasst nicht nur die Nervenzellverschaltungen, die die lebenswichtigen Körperfunktionen steuern, sondern auch die emotionalen Zentren im limbischen System sind schon gut entwickelt. Gefühle wie Angst oder Wohlbefinden kennt das Kind schon vor der Geburt. Es hat bereits vor der Geburt gelernt zu strampeln, sich zu drehen und zu wenden und an seinem Daumen zu lutschen. Das Baby kennt aber nicht nur seinen Körper, sondern hat schon eine ganze Reihe Erfahrungen über die Welt draußen gemacht und in seinem Gehirn verankert: Es kennt die Stimme der Mutter und des Vaters, ihre Lieblingslieder und Lieblingsmusik und weiß, wie die Mutter riecht, da die Duftstoffe und Aromen auch im Fruchtwasser enthalten waren. Es mag das Schaukeln ebenso wie den Rhythmus des Herzschlags, der ihm bestens vertraut ist. Allerdings sind die höheren, sehr langsam ausreifenden vorderen Bereiche der Hirnrinde, des Frontalhirns sind noch nicht vernetzt, daher weiß das Baby noch nicht, was es schon alles weiß. Siehe dazu aber: Draußen sein
Das Gehirn strukturiert sich vorgeburtlich anhand der Signalmuster, die aus dem eigenen Körper, aus dem der Mutter und aus deren Lebenswelt dort ankommen. Ein ungeborenes Kind, das besonders große Hände mit groben Fingern ausgebildet hat, dessen Gehirn spezialisiert sich anders als das eines Kindes, das kleine, schlanke Finger hat. Auch wenn das Kind schlecht versorgt oder mit Giftstoffen überflutet wird, weil die Mutter beispielsweise raucht oder Alkohol trinkt, entwickelt sich das Gehirn anders als das normalerweise der Fall wäre. Von der Natur wird daher dafür gesorgt, dass die Bindung zwischen Mutter und Kind nach der Geburt sofort klappt, denn das Baby fühlt sich nach der Geburt dort am geborgensten, wo es so riecht, so klingt, sich so anfühlt wie dort, wo es herkommt.
Ein Ungeborenes kann aber auch Erfahrungen im Mutterleib machen, die es später zum Beispiel anfällig für Angst machen. Wenn die Mutter Angst vor dem Vater hat, spürt der Fötus das. Ihre Bauchdecke zieht sich während des Streits zusammen, Stresshormone werden ausgeschüttet, das Herz rast. Dabei wird das Kind zusammengedrückt, hört es die schnellen Herztöne und die laute Stimme des brüllenden Vaters. Der Fötus erstarrt und diese Erfahrung wird im Gehirn abgespeichert. Dabei findet eine Kopplung statt zwischen dem Zusammengedrücktwerden und der lauten Stimme des brüllenden Vaters. Nach der Geburt verfällt das Kind in eine ähnliche Erstarrung, wenn die Stimme des Vaters eine ähnliche Färbung annimmt. Nach Hüther kann man sich das Gehirn wie eine Baustelle vorstellen, bei der nach der Geburt das Fundament schon gelegt ist. Das lässt sich zwar nicht mehr einreißen, aber es kann natürlich auf dieser Baustelle zu jedem Zeitpunkt anders weitergebaut werden als bisher. Zu jedem späteren Zeitpunkt kann man Kinder, die bisher eher ungünstige Entwicklungsbedingungen hatten, dazu anregen, neue Erfahrungen zu machen.

Lernförderung schon vor der Geburt?

Bekanntlich ist in der Schwangerschaft die Entwicklung eines Kindes und somit auch die Gehirnentwicklung durch äußere Faktoren, wie etwa Stress störanfällig, denn Stresshormone, die während der Schwangerschaft freigesetzt werden, beeinflussen auch massiv die Gehirnentwicklung und damit indirekt das aktuelle und zukünftige Lernverhalten eines Kindes. Es gibt daher auch Versuche, das Ungeborene im Mutterleib zu fördern, um ihm so bessere Voraussetzungen für das Leben und Lernen mitzugeben, denn ein grundlegender Teil der Gehirnentwicklung passiert eben schon im Uterus, wenn auch die richtige basale Vernetzung der einzelnen Erfahrungen aber erst nach der Geburt beginnt und weit bis ins Jugendalter hinein andauert. Eine aktive Förderung ist aber erst dann möglich, wenn ein Kind in den ersten Wochen den Körperkontakt zur Mutter spürt, wenn sich bis zum ersten Geburtstag das Gewicht des kindlichen Gehirns von 250 Gramm auf etwa 750 Gramm verdreifacht. Im Mutterleib sind im Gehirn Botenstoffe für die Lernprozesse mitverantwortlich, die durch Stress oder anderen ungünstigen Bedingungen in der Schwangerschaft diese Entwicklungsprozesse behindern können. Lernförderung vor der Geburt bedeutet also vorwiegend, die negativen Einflussgrößen auf die Entwicklung des Gehirns einzudämmen. Gerald Hüther: „Wenn Mütter wissen, wie wichtig es für ihr ungeborenes Kind ist, dass sie sich wohl fühlen, können sie etwas für sich tun, das ihnen positive Gefühle verschafft. Im Wald Entspannung suchen, zu Gott beten, Musik hören. Wenn eine Schwangere im Beruf sehr gestresst ist, sollte sie die Bedingungen ändern. Es ist dabei wichtig, dass auch Männer das verstehen und nach Kräften dazu beitragen, dass es der werdenden Mutter und damit auch ihrem ungeborenen Kind gut geht. Nur so kann das Fundament entstehen, auf dem die Potenziale des Kindes zur Entfaltung kommen“.

Quelle: http://www.zeit.de/online/2008/34/foetus-huether-erfahrungen (08-10-24)





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© Werner Stangl Linz 2017