Falsche Lernstrategie Nummer 3: Perfekt lernen wollen



Kinder lernen schon früh im Elternhaus und in der Schule, dass von ihnen Leistung erwartet wird und dass diese Leistung dann auch bewertet wird. Manche verinnerlichen diesen Leistungsdruck so sehr, dass sie auch später im Leben alles besonders gut machen wollen. Solange jemand zwar das Beste erreichen möchte, aber sich selbst und anderen auch Fehler zugesteht, profitiert er von seinem Perfektionismus, doch gibt es auch Formen des Perfektionismus, unter denen die Betroffenen, ihr Selbstwertgefühl und ihre soziale Umgebung leiden, denn wenn jemand in allen Lebensbereichen extrem hohe Maßstäbe hat und an diesen rigide festhält, weil der eigene Selbstwert davon abhängt, dann kann das zum Problem werden. Zum Teil spitzt sich die Situation so zu, dass Menschen das Gefühl haben, sie werden von anderen nur geliebt und akzeptiert, wenn sie Bestleistungen erbringen, wobei sich die Betroffenen vor allem auf ihre Fehler konzentrieren und die eigenen Erfolge kaum beachtet werden. Können sie dann ihre hohen Maßstäbe nicht erfüllen, beginnen sie darunter zu leiden.

Das mentale Modell mancher Lernenden ist oft „mehr Arbeit bedeutet bessere Leistung bei der Prüfung“, d.h., sie quälen sich durch Texte und versuchen jeden einzelnen Satz eines Skriptum oder eines Lehrbuches genau zu lesen und zu verstehen. Ein solcher Perfektionismus überfrachtet aber das menschliche Gehirn, denn es berücksichtigt nicht die Art und Weise, wie das Gehirn lernt – das Gehirn ist kein Tonbandgerät, das lineare Stoffmengen aufzeichnen kann! Details verwirren oft und verhindern, dass man die Zusammenhänge versteht und das einzelne Faktum eines Stoffes einordnen kann. Ab einem bestimmten Aufwand beim Lernen verschlechtern sich nachweislich die Ergebnisse, denn zu dem Zeitdruck kommen noch Faktoren wie das bestimmte Gefühl, es doch nicht bis zum Ende des Stoffes zu schaffen.

Die häufig aufgestellte Behauptung, dass die Grundlage für die Minderung von Prüfungsangst eine sichere Beherrschung des Prüfungsstoffes sei, ist in dieser absoluten Form sicherlich falsch, denn es ist viel bedeutsamer, was der einzelne Lernende unter einer sicheren Beherrschung des Lehrstoffes versteht. Das kann man auch daran sehen, dass sehr of oberflächlich Lernende, die sich wenig im die Perfektion beim Lernen bemühen, oft am erfolgreichsten sind bzw. wenig bis gar keine Prüfungsangst entwickeln.

Schwierigkeiten beim Lernen resultieren daher sehr häufig aus den Ansprüchen an die Art des Lernens, wenn man etwa von sich selbst verlangt, ein möglichst großes und umfangreiches Bild von dem zu lernenden Stoff zu erhalten. Eine solche Einstellung stößt bei der Umsetzung in die Praxis auf drei Schwierigkeiten: die Zeit ist meist knapp und die Energie nimmt rasch ab, sich mit einem Lehrstoff derart intensiv zu beschäftigen, um ihn so zu beherrschen, wie man es als Perfektionist gerne möchte. Hinzu kommt, dass man eigentlich nie gelernt hat, wirklich effektiv zu lernen, so, wie es für eine konkrete Prüfungsanforderung wäre. Nicht weniger, aber auch nicht mehr! Beim Lernen kann vor allem Letzteres zur großen Hürde werden – beim Lernen sollte man daher immer auch den Mut zur Lücke haben, auch wenn das manche LehrerInnen in Bezug auf ihren Stoff nicht gerne hören werden. Sie sollten sich damit trösten, dass ohnehin das Meiste, das in den Schulen für Prüfungen gelernt wird, nach kurzer Zeit vergessen wird.

Die Perfektionismus-Falle

Für viele Situationen im Leben ist gar kein perfektes Ergebnis erforderlich, wobei hier die 80/20-Regel nach Pareto genügt, die aussagt, dass für ein 80%-Ergebnis nur etwa 20% der verfügbaren Zeit benötigt werden. Ein solches Ergebnis ist meist vollkommen ausreichend, denn ob man für eine Prüfung lernt, seinen Schreibtisch aufräumt oder ein Abendessen für Freunde kocht, die restlichen 80% der Zeit braucht man, wenn man mit einem 80%-igen Ergebnis nicht zufrieden ist, sondern ein perfektes Ergebnis anstrebt. Vermutlich entsteht dadurch auch Stress, da immer irgendeine Kleinigkeit nicht vollkommen ist. In den meisten Fällen aber gilt, dass es den anderen gar nicht auffällt, dass man es noch besser hätte machen können. Das weiß nur die Perfektionistin oder der Perfektionist selbst.

Übrigens: Die Ursachen des Strebens nach Perfektion liegen für gewöhnlich in der frühen Kindheit, denn in der haben Menschen häufig die Erfahrung gemacht, dass sie nur dann Zuwendung und Anerkennung bekommen, wenn sie perfekt sind, und die Erwartungen der anderen erfüllen. Kinder fühlen sich irgendwie nicht in Ordnung und liebenswert und sind deshalb sehr stark auf die Anerkennung unserer Mitmenschen angewiesen, und sehen in der Perfektion eine Lösung, Anerkennung zu bekommen. Letzlich sind für den Perfektionismus geringes Selbstwertgefühl und die daraus resultierende Angst, nicht gut genug zu sein bzw. die Angst vor Ablehnung verantwortlich.

Daher sollte man bei Neigung zum „perfekten Lernen“ folgende Lerntipps beherzigen:

Siehe auch Falsche Lernstrategie Nummer 2: Markieren mit dem Textmarker und Falsche Lernstrategie Nummer 1: Wiederholtes Lesen.

 





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