Eltern und Prüfungsangst

Mit jeder Prüfung verbindet sich eine gewisse Spannung und Aufregung. Je mehr man diesen Zustand als natürlich empfindet, desto besser kann man die Nervosität akzeptieren und in gewisser Weise Oberhand gewinnen. Eltern tun daher ihren Kindern nichts Gutes, wenn sie ihnen die Angst vor der Prüfung ausreden wollen. Manche Dinge bekommen erst dadurch ungeheure Ausmaße, dass wir sie in der Phantasie zu Schreckgespenstern machen. Daher gilt: Angst nicht einreden, aber auch nicht ausreden! Eine Prüfung ist eine Prüfung. Es handelt sich nicht um eine Aburteilung. Der Tag der Wiederholungsprüfung ist nicht der „Jüngste Tag“. Wenn eine bedrohliche Situation auf uns zukommt, sei es nun eine echte Gefahr für Leib und Leben oder eben „nur“ eine Prüfung, dann wird der Körper in Alarmzustand versetzt. Energien werden mobilisiert. Diese Energien sind aber nur sinnvoll, wenn wir uns körperlich entweder durch Flucht oder Angriff gegen eine Gefahr wehren müssen; sie können sonst eher zu einer Unruhe im Körperhaushalt führen. Deshalb soll man, wenn man Angst bzw. Aufregung spürt, zu Hause versuchen, diese Mobilisierung des Körpers durch Kniebeugen und andere Übungen wie z.B. Joggen am Stand usw. abzuführen. Während der Prüfung hilft ruhiges, tiefes Durchatmen.

Vor einer Prüfung soll man nichts mehr Neues lernen, weil dieser Stoff sich nicht mehr setzen kann und sich unter Umständen der Einprägungsvorgang störend auf die Wiedergabe von bereits gut gelernten Stoff auswirkt. Besser ist es, „den Motor aufzuwärmen“, d.h., kurz noch einmal den Stoff durchblättern, ohne sich noch etwas einprägen zu wollen. Eine anstrengende Prüfung bedeutet auch einen Energieverzehr, deshalb ausreichend schlafen und ausgiebig frühstücken. Auch wenn man glaubt, vor Aufregung nichts hinunterzubringen.

Wie die Prüfung ausgehen wird, weiß man nie. Wenn man sich bemüht, dann ist Erfolg wahrscheinlicher als Misserfolg. Deshalb nicht schon vorher alles schwarz malen und negative Situationen geistig heraufbeschwören. Immer mit einer gewissen Zuversicht die Dinge an sich herankommen lassen. Panikhandlungen kommen dadurch zustande, dass etwas Unerwartetes eintrifft. Deshalb soll man sich Folgendes klar überlegen: Was ist, wenn die Prüfung nicht klappt? Die Antwort ist von Fall zu Fall verschieden. Im einen Fall wird dadurch eine Wiederholung der Klasse notwendig, im anderen Fall ist das Aufsteigen trotzdem, wenn auch mit einem schlechteren Zeugnis, möglich. Es geht nie um ein „entweder die Prüfung bestehen, oder es ist alles aus“, sondern es geht auf jeden Fall weiter, auch wenn die Prüfung schief geht. Jedes Kind sollte daher wissen, dass es unabhängig von Noten und Leistungen von den Eltern geliebt wird. Es ist gerade an diesem Tag wichtig, sich nicht nur zu denken: „Das versteht sich ja ohnedies!“ – sondern es auch auszusprechen.

Der Erfolg bei der Prüfung darf nicht alleiniger Maßstab sein. Auch beim Olympischen Denken zählt nicht nur Erfolg, sondern auch die Anstrengung und der Einsatz. Daher: Anstrengungen belohnen, nicht Erfolg! Wissen ist wertvoll, aber der Wert des Menschen geht weit über sein Wissen hinaus! Daher immer wieder deutlich vor Augen halten: „Eine Prüfung misst mein Wissen, aber nicht meinen Wert als Mensch! Ich bin für mich, aber auch für meine Eltern, Bekannten und Mitschüler usw., wertvoll – mit oder ohne bestandene Prüfung!“

Prüfungsangst verschlechtert Schulleistung

Jeder sechste Schüler und jede vierte Schülerin leiden unter Prüfungsangst, wobei nach Ziegler & Stöger Prüfungsangst die Leistung im Mittel um fast eine halbe Notenstufe verschlechtert, denn das Kind kann sich nicht mehr voll auf die Arbeit konzentrieren. Eltern und Lehrer haben viele Möglichkeiten, Prüfungsangst abzubauen, denn eine der Hauptursachen von Prüfungsangst sind überzogene Leistungsanforderungen, die an ein Kind gestellt werden. Die realistische Senkung des Anspruchsniveaus sollte sich daher nicht nur auf die akzeptable, sondern auch auf die optimale Notenstufe beziehen. Vor allem die Reaktion der Eltern auf Schulnoten kann den Ausschlag geben, denn nehmen wir an, ein Kind hat in einer Klassenarbeit eine gute Note geschrieben. Die Eltern freuen sich sichtbar und loben das Kind überschwänglich. In der nächsten Klassenarbeit schneidet es jedoch weniger gut ab, und seine Eltern sind sichtbar betrübt; das ganze Wochenende scheint verhagelt, sie tadeln das Kind, und es muss außerdem eine extra Lernschicht einlegen. Natürlich sollen Eltern Anteilnahme am Lernen ihrer Kinder zeigen, doch je größer diese Stimmungs- und Reaktionsunterschiede nach guten oder schlechten Leistungen sind, desto mehr steht für ein Kind bei Prüfungssituationen auf dem Spiel: Es kann im Erfolgsfall viel Anerkennung und Zuneigung erfahren, aber bei Misserfolg auch viel Ablehnung und Liebesentzug. Und je mehr für ein Kind auf dem Spiel steht (negativ wie positiv), desto leichter bildet es Prüfungsangst aus. Ziegler und Stöger empfehlen daher den LehrerInnen, ein Kind mit Prüfungsangst keinen öffentlichen Bewertungen auszusetzen, d.h., die Noten sollten nicht öffentlich verlesen und eine Gruppenbildung entsprechend dem Leistungsniveau sollte vermieden werden.

Siehe auch Hausmittel gegen Prüfungsangst!

Literatur & Quellen
Aus den Lerntipps der Schulpsychologie-Bildungsberatung des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur.
WWW: http://www.bmukk.gv.at/schulen/service/psych/Schulpsychologie_Lerntip1577.xml (11-03-21)





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